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Modernes Oratorium aufgeführt

Martin Luther zwischen Angst und Akkordeon

Uraufführung "Im Spiegel der Angst" in der Mainzer Christuskirche

Uraufführung "Im Spiegel der Angst" in der Mainzer Christuskirche

Am Anfang stand die Angst, am Ende stehende Ovationen. Die Uraufführung des modernen Luther-Oratoriums „Im Spiegel der Angst“ war ein außergewöhnliches musikalisches Erlebnis. Was passiert, wenn drei Ensembles mit Streichern, Schlagzeug, Tuba und Akkordeon gegen die Angst anspielen?

„Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren“. Mit diesem Zitat Martin Luthers beginnt eine packende musikalische Auseinandersetzung mit dem Reformator im 501. Jahr des Thesenanschlags. Am Samstag feierte in Mainz ein zeitgenössisches Oratorium über den großen Reformator seine Premiere. Der Bachchor Mainz führte unter der Leitung von Ralf Otto „Im Spiegel der Angst“ von Gerhard Müller-Hornbach auf. Das einstündige Werk entstand als Auftragskomposition der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum 500. Jahrestag der Reformation. Die 40 Chorsängerinnen und Chorsänger wurden dabei von zwei Dutzend Instrumentalisten des Frankfurter „Mutare-Ensembles“ unterstützt. Und im Raum verteilt sorgten zwei Satteliten-Ensembles immer wieder für neue Effekte.

Breites Instrumentarium

Ein musikalischer Genuss nicht nur für Fans von zeitgenössischer Musik: Streicher, Bläser, Gitarre, Akkordeon und Schlagzeug kamen bei dem achtstimmigen Stück zum Einsatz. Maren Schwier (Sopran), Christian Rathgeber (Tenor) und Hans Christoph Begemann (Bariton) präsentieren moderne Klänge von ihrer besten Seite. Schon vorab frohlockte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass es höchste Zeit gewesen sei, dass sich die evangelische Kirche nach langer Abstinenz wieder einmal als Kultursponsor ins Spiel gebracht habe. Viele Werke Bachs oder Mozarts hätten ohne kirchlichen Beistand niemals das Licht der musikalischen Welt erblicken können. Nur zu gut, dass hier die hessen-nassauische Kirche in die lange Tradition des Kultursponsorings trat. Eine Idee der früheren Kirchen/Dezernentin Christine Noschka.

Angst und Mut

In seiner Begrüßung hob Hessen-Nassaus Kirchenpräsident Volker Jung denn auch auf die besondere Rolle der Musik für die Kirche ab, aber auch auf die kritische Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Lichtgestalt der Reformation. Das moderne Oratorium zeige zunächst einen verzweifelten Luther, der von spätmittelalterlichen Ängsten zerfressen gewesen sei und sie auf alles Fremde, auch Menschen anderen Glaubens, übertragen habe. Doch das Stück zeige auch Lichtblicke auf, an denen Luthers Mut durch tiefes Vertrauen in Gott überwiegt, wie etwa beim Gang vor Kaiser und Reich in Worms.

Hochumstrittene Aussagen

Eineinhalb Jahre lang hat der Frankfurter Komponist Gerhard Müller-Hornbach an der beeindruckenden Collage aus Texten und Klängen gearbeitet. Das Stück ist Komposition und Inszenierung eines sprachlichen Dialogs zugleich. Der emeritierte Musikprofessor verwebt dabei Zitate aus der Antike mit Texten von Luther und aktueller Literatur zu einem einzigartigen Geflecht. Dabei blickt der Musiker auch kritisch auf Luthers düstere Seite und seine bis heute hochumstrittenen Aussagen gegenüber Andersgläubigen. Sie waren unter anderem geprägt von der furchtbesetzten Vorstellung, im Kampf gegen das osmanische Reich würde sich ein drohendes Ende der Welt ankündigen.

Von Bibel bis Bachmann

Bei seiner Auseinandersetzung mit Luther stieß Müller Hornbach auf die Angst als Leitmotiv im Denken des Reformators. Nun will der Komponist bewusst Luthers Erfahrungshorizont einer Vielfalt von Sichtweisen aus ganz anderen historischen und kulturellen Zusammenhängen „als spiegelndem und kommentierendem Kontrapunkt“ entgegenstellen, wie er sagt. So sind auch Texte der Bibel, des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King, des Dichters Gotthold Ephraim Lessing und von Autoren wie Erich Fried oder Ingeborg Bachmann in Musik umgesetzt.

Suche nach „Entängstigung“

Mit Müller-Hornbach konnten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer in einem vielstimmigen Raum unterschiedlichster und teilweise entgegenstehender Sichtweisen bewegen und gemeinsam auf die Suche nach „Entängstigung“ begeben. Der Komponist möchte nach eigenem Bekunden, dass die Besucherinnen und Besucher der Aufführung „in sich hineinhören und sich fragen, wo Angst und Entängstigung bei ihnen und in ihrem Handeln wirken". Er lässt damit das ungemein aktuelle Thema einer Gesellschaft auf der Suche nach Sicherheit und Orientierung anklingen.

Stehende Ovationen

Am Anfang stand die Angst. Am Ende des Konzertes stehende Ovationen für eine gewaltige musikalische Leistung. Ob und wo „Im Spiegel der Angst“ noch eine weitere Aufführung erlebt, ist derzeit offen. Zu wünschen wäre es. Gerade in einer angstbesetzten Zeit. 

Mehr: www.bachchormainz.de 

 

 


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